Vietnam Tag 13
Cao-Dai-Tempel in Long Hoa
Sehr früh am Morgen ging es los, mitten hinein in den dichten Berufsverkehr von Ho-Chi-Minh-Stadt. Mopeds, Autos, Busse und hupende Fahrer begleiteten uns auf unserem Weg in nordwestliche Richtung. Unser Ziel war der berühmte Cao-Dai-Tempel von Long Hoa.
Schon bei der Ankunft waren wir überwältigt. Mit einer solchen Tempelanlage hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ein riesiges Gelände lag vor uns: ein großzügiger Paradeplatz mit Tribüne, ein gewaltiger Haupttempel, zahlreiche Nebengebäude, gepflegte Gartenanlagen und kunstvoll geschnittene Bonsais. Alles wirkte beeindruckend geordnet und zugleich farbenprächtig.

Der Tempel selbst ist eine faszinierende Mischung aus katholischer Kirche, Moschee und asiatischer Pagode. Die Architektur vereint westliche und östliche Elemente auf eine Weise, wie ich sie nicht kannte.

Von der Cao Dai-Religion hatte ich bis zu diesem Besuch noch nie gehört. Sie entstand 1926 in Südvietnam und ist eine der wenigen Religionen, die tatsächlich in Vietnam gegründet wurden. Ihr Zentrum liegt bis heute in der Provinz Tây Ninh. Zur Zeit soll es etwa 4 Mio Mitglieder geben. Cao Dai versteht sich als universelle Glaubensgemeinschaft, die die großen Religionen der Welt miteinander versöhnen möchte.
Sie verbindet Elemente aus Buddhismus, Taoismus, Konfuzianismus, Christentum, Islam und sogar spiritistischen Vorstellungen. Die Anhänger glauben an einen höchsten Gott, dargestellt durch das bekannte „Allsehende Auge“, das überall im Tempel zu sehen ist. Dieses Auge symbolisiert göttliche Weisheit und die ständige Gegenwart Gottes.

Besonders ungewöhnlich ist, dass in der Religion auch historische Persönlichkeiten als geistige Vorbilder verehrt werden. Dazu zählen unter anderem Victor Hugo, Sun Yat-sen und Jeanne d’Arc. Das zeigt, wie international und offen diese Glaubensrichtung gedacht ist.
Ein weiterer wichtiger Gedanke ist die Wiedergeburt. Die Gläubigen glauben, dass die Seele mehrere Leben durchläuft und sich moralisch weiterentwickeln soll. Ziel ist es, durch gutes Handeln, Mitgefühl und Disziplin eine höhere geistige Ebene zu erreichen.
Viele Anhänger leben vegetarisch oder verzichten an bestimmten Tagen auf Fleisch. Gebet und Meditation spielen eine große Rolle. Täglich finden mehrere feste Gebetszeiten statt – morgens, mittags, abends und nachts. Deshalb strömen zu bestimmten Uhrzeiten viele Gläubige gleichzeitig in den Tempel.
Als wir den Tempel betraten, bekamen wir den Mund kaum wieder zu. Eine solche Pracht hatte ich selten erlebt. Im Inneren durften wir außerhalb der Mitte herumgehen und alles fotografieren. Überall standen kunstvolle Statuen, farbige Säulen, Bilder und Symbole, die jeweils eine tiefere Bedeutung haben. Der Altar steigt über mehrere Ebenen nach oben. Nur hochrangige Priester dürfen auf den oberen Ebenen Platz nehmen.
In der Cao Dai-Religion haben die Farben Gelb, Blau und Rot eine zentrale symbolische Bedeutung. Sie stehen vor allem für die Vereinigung dreier großer asiatischer Traditionen, aus denen Cao Dai viele Lehren übernimmt:
- Gelb = Buddhismus
Symbolisiert oft Mitgefühl, Frieden und spirituelle Reinheit. - Blau = Daoismus / Taoismus
Steht für Harmonie, Freiheit, Gelassenheit und den natürlichen Weg. - Rot = Konfuzianismus
Symbolisiert Ordnung, Moral, Autorität und gesellschaftliche Tugend.
Diese drei Farben erscheinen häufig auf der Flagge, in Tempeln und in den Gewändern der Geistlichen. Sie zeigen das Grundprinzip von Cao Dai: verschiedene Religionen in einer gemeinsamen Wahrheit zu vereinen.
Kurz gesagt: Gelb, Blau und Rot bedeuten Einheit durch Vielfalt.
Auch die Organisation der Religion ist bemerkenswert. Sie besitzt eine Art geistliche Hierarchie mit Priestern, Würdenträgern und Verwaltungsstrukturen, die ein wenig an die katholische Kirche erinnert. Gleichzeitig dürfen Frauen ebenfalls wichtige religiöse Aufgaben übernehmen, auch wenn traditionelle Rollen teilweise bestehen blieben.
Man hört, dass es in Südvietnam viele solcher prächtigen Tempel gibt. Da fragt man sich unweigerlich, wer all das finanziert. Offiziell versteht sich die Religion als gemeinnützige Glaubensgemeinschaft, getragen durch Spenden ihrer Anhänger.
Am Rand des großen Platzes liegt ein kleines Wäldchen, in dem sich zahlreiche Affen aufhielten. Wenn sie zu frech werden, erscheinen die „Affenwächter“, die sie mit Katapulten vertreiben. Ein ungewöhnlicher, aber offenbar notwendiger Dienst.
Kurz vor 12 Uhr strömten aus allen Richtungen weiß gekleidete Gläubige in den Tempel. Dazwischen sah man auch Priester in Gelb, Blau und Rot. Die Frauen nahmen auf der linken Seite des Tempels auf dem Boden Platz, die Männer auf der rechten.


Dann begann die Andacht. Die Musik klang fremdartig und fast nicht von dieser Welt. Immer wieder verneigten sich die Gläubigen, knieten nieder und verharrten still im Gebet. Es war ein eindrucksvoller und sehr würdevoller Moment.
Nach etwa zwanzig Minuten verließen wir den Tempel wieder. Viel geschah äußerlich nicht mehr – doch der Besuch selbst war so außergewöhnlich, dass er mir lange in Erinnerung bleiben wird.
Als Kontrastprogramm standen an diesem Tag noch die Cu Chi Tunnel auf dem Plan. Davon gibt es morgen mehr.