Vietnam Tag 6
Die 37 Grad heute haben uns wirklich geschafft. Dazu diese gnadenlose Sonne. Irgendwann war klar: jetzt muss ein Hut her. Statt des ursprünglich geplanten kegelförmigen Strohhuts, der zwar stilvoll, aber völlig unpraktisch im Gepäck gewesen wäre, habe ich mir kurzerhand einen zusammenfaltbaren Alu-Hut zugelegt. Nicht ganz so elegant, aber dafür transportabel und erstaunlich effektiv.
In Zentralvietnam haben wir zudem einen neuen Reiseleiter bekommen – ein Glücksgriff. Er hat von 1984 bis 1988 in Chemnitz Maschinenbau studiert, spricht also gut Deutsch und ist ungefähr in unserem Alter. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, uns bei dieser Hitze durch ein straffes Programm zu treiben.
Los ging es mit der Zitadelle von Huế: ein beeindruckendes Rechteck aus gewaltigen Mauern, die sich über etwa 10 Kilometer erstrecken. Einst lebten hier die Kaiser der Nguyễn-Dynastie. Vieles wurde im Krieg zerstört, doch Vietnam ist bemüht, die Anlage Stück für Stück wieder aufzubauen. Die einstige Pracht ist heute oft nur noch zu erahnen. Bis zum vorletzten Kaiser verlief die Geschichte relativ stabil, doch der letzte Herrscher musste in den 1950er Jahren nach Paris fliehen – als Marionette politischer Mächte war er im eigenen Land nicht mehr gewollt.


Das Leben am Kaiserhof war geprägt von strengen Hierarchien, Ritualen und einem fast schon abgeschotteten Kosmos. Der Kaiser selbst galt als „Sohn des Himmels“ und lebte in einer Welt voller Zeremonien, Vorschriften und höfischer Intrigen. Seine Tage waren nicht unbedingt von harter Arbeit geprägt, dafür aber von repräsentativen Pflichten. Neben seiner Hauptfrau verfügte er über Hunderte von Nebenfrauen – man spricht von über 500 – sowie unzählige Konkubinen. Der Zugang zum Kaiser war streng geregelt, und das Leben im Palast folgte festen Regeln, die von Etikette und Machtspielen bestimmt waren.

Nach so viel Geschichte kam dann etwas deutlich Angenehmeres: eine 45-minütige Rikschafahrt für uns vier. Angetrieben – höchstwahrscheinlich – durch reine Muskelkraft, kutschierten uns vier vietnamesische Männer durch die Straßen von Huế. Der Verkehr ist hier deutlich entspannter als in Hanoi, aber hin und wieder wurde es trotzdem brenzlig. Ich habe beschlossen, einfach zu vertrauen, schließlich wollen sie ihre Touristen ja heil ans Ziel bringen, und habe die Fahrt richtig genossen.

Danach besuchten wir eine Mandarin-Familie. In Vietnam bezeichnete man als „Mandarine“ die hochrangigen Beamten des Kaiserreichs, die durch anspruchsvolle Prüfungen in den Staatsdienst gelangten. Sie waren nicht nur Verwalter, sondern auch Gelehrte und genossen hohes gesellschaftliches Ansehen. Der heutige Hausherr ist ein Nachfahre eines Mandarin des vorletzten Kaisers, irgendwo in der vierten oder fünften Generation, und sieht es als seine Aufgabe, das Familienerbe zu bewahren: ein altes Haus, wertvolle Möbel und ein wunderschönes Grundstück.

Besonders faszinierend war seine Sammlung von Tonartefakten, die über Jahrhunderte hinweg durch Hochwasser und Flüsse angeschwemmt wurden. Zwischen all diesen Relikten konnten wir uns endlich etwas ausruhen und wurden sogar mit ein paar Süßigkeiten versorgt.

Dabei fiel auch auf, wie wichtig der Ahnenkult in Vietnam ist. Fast jede Familie hat einen Altar im Haus, geschmückt mit Fotos, Opfergaben und oft auch Buddhafiguren. Die Verbindung zu den Vorfahren ist hier lebendig und fester Bestandteil des Alltags.

Im Anschluss standen noch einige Pagoden und Gräber auf dem Programm. Der obligatorische „Toilettenstopp“ führte uns – wenig überraschend – in einen Laden, der Räucherstäbchen und Lampions herstellt. Natürlich konnten wir nicht widerstehen und haben Jasmin-Räucherstäbchen gekauft, allerdings zum Verschenken, versteht sich.

Ein besonders ungewöhnlicher Ort war der Eunuchenfriedhof. Eunuchen spielten am Kaiserhof eine zentrale Rolle: Da sie als kastrierte Männer keinen eigenen Machtanspruch durch Nachkommen hatten, galten sie als besonders vertrauenswürdig und wurden häufig als Verwalter, Berater oder Wächter im innersten Bereich des Palastes eingesetzt. Sie hatten Zugang zu den Gemächern des Kaisers und seiner Frauen und waren oft eng in politische Abläufe eingebunden. Trotz dieser wichtigen Rolle wirkte ihr Friedhof im Vergleich zu den prunkvollen Grabanlagen der Mandarine und Kaiser erstaunlich schlicht – fast unscheinbar.

Früher als erwartet wurden wir schließlich in die Freizeit entlassen. Schnell noch einen Kaffee, dann erst einmal ausruhen. Diese Hitze ist wirklich nicht zu unterschätzen – vor allem, wenn man bedenkt, dass zu Hause gerade Temperaturen unter 10 Grad herrschen. Ein ziemlicher Kontrast.