Vietnam Tag 9
Da sitze ich nun in der achten Etage des Hotels Diamond Stars in Bến Tre, hoch über dem Mekong, und lasse den Tag Revue passieren. Eigentlich sollte alles ganz unspektakulär verlaufen – doch schon dieses Hotel überrascht uns vollkommen. Es trägt offiziell 5 Sterne, was man ihm auch ansieht. Vor mir breitet sich ein weiter Arm des Mekong aus, dessen Wasser in einem satten Braun vorbeiströmt.

Der Mekong gehört zu den großen Lebensadern Südostasiens. Er entspringt im Hochland Tibets, fließt durch China, Myanmar, Laos, Thailand, Kambodscha und schließlich durch Vietnam, wo er sich in zahllose Seitenarme verzweigt. Im fruchtbaren Mekong-Delta, auch „Reisschüssel Vietnams“ genannt, lagern sich seit Jahrhunderten Sedimente ab. Deshalb ist das Wasser braun gefärbt – voller nährstoffreicher Erde, die diese Landschaft so unglaublich fruchtbar macht.
Rechts vom Hotel reicht der Blick über ein endloses Meer aus Palmen. An ihnen wächst alles, was in tropischer Fülle gedeihen kann: vor allem Kokosnüsse, aber auch Bananen, Jackfrucht, Papaya, Kakao und vieles mehr.
Der Tag begann allerdings wenig idyllisch: Bereits um 4:00 Uhr morgens hieß es aufstehen, damit wir rechtzeitig zum Flughafen kamen. Unser Flug nach Saigon – heute offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt – startete um 7:30 Uhr. Alles verlief ruhig und routiniert. Nach kurzer Flugzeit landeten wir in der drückenden Wärme der Metropole.

Saigon
Saigon, heute offiziell Ho-Chi-Minh-Stadt, ist die größte Stadt Vietnams und hat eine lange, wechselvolle Geschichte. Ursprünglich war das Gebiet von Khmer-Siedlungen geprägt und hieß Prey Nokor. Im 17. Jahrhundert begannen vietnamesische Siedler, die Region stärker zu besiedeln.
Im 19. Jahrhundert wurde Saigon nach der französischen Eroberung zu einem wichtigen Zentrum von Französisch-Indochina. Die Stadt entwickelte sich wirtschaftlich stark und erhielt den Beinamen „Paris des Ostens“.
Nach dem Ende der Kolonialzeit wurde Saigon Hauptstadt von Südvietnam. Während des Vietnamkrieg war sie politisches und militärisches Zentrum. 1975 fiel die Stadt an Nordvietnam, was das Kriegsende markierte. Ein Jahr später wurde Saigon zu Ehren von Ho Chi Minh in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt.
Heute ist die Stadt das wirtschaftliche Herz Vietnams und ein bedeutendes Kultur- und Handelszentrum Südostasiens.
Nach etwa zwei Stunden Busfahrt erreichten wir Ben Tre. Eine Bootsfahrt sollte uns zu lokalen Manufakturen bringen.
Dann erschien unser Transportmittel: ein kleines, schmal wirkendes Holzboot. Beim ersten Anblick wurde uns doch etwas mulmig. Es sah wackelig aus und wir fragten uns ernsthaft, wie wir dort sicher hineinkommen sollten. Doch wenn man mittig einsteigt und sich ruhig verhält, ist alles halb so schlimm. Unser Bootsführer, der hinten souverän an der Stange stand, brachte uns sicher durch die schmalen Wasserwege. Selbst das Aussteigen an einer improvisierten Anlegestelle war ein kleines Abenteuer.

Zum Mittagessen kehrten wir in ein familiengeführtes Restaurant mitten im üppigen Grün ein. Fast allein waren wir dort, umgeben von Palmen, Wasser und tropischem Vogelgesang. Direkt am Tisch zeigte man uns, wie man aus Reispapier, Fisch, Glasnudeln, Kräutern und Salat frische Sommerrollen zubereitet. Natürlich blieb es nicht bei diesen Rollen, wie so oft in Vietnam wurde der Tisch reichlich gefüllt.


Gut gesättigt ging es weiter. Laut Reiseplan wartete nun ein TukTuk – in diesem Fall eher ein Motorrad mit aufgesetztem Karren. Darin wurden wir auf rumpeligen Wegen ordentlich durchgeschüttelt, hatten aber unseren Spaß.
Nächster Halt war eine kleine Honigmanufaktur. Dort erhielten wir warmen Honigtee und wir zwei Frauen sogar Gelee Royal. Dieses sollten wir uns ins Gesicht schmieren. Gesagt, getan. Leider klebte das Zeug wie verrückt, sodass wir froh waren, es gleich wieder abwaschen zu können.


Danach besuchten wir einen Familienbetrieb, in dem Binsenmatten hergestellt werden. Die Mutter hob geschickt abwechselnd die Fäden, während die Tochter mit einem langen Stab die Binsen hindurchschob. Da das einfacher aussah, als es tatsächlich ist, ließ ich mich dazu hinreißen, es selbst zu versuchen. Das Durchschieben war nicht das Problem – aber das ständige Sitzen und Kauern auf dem Boden! Dafür braucht man eindeutig mehr Übung Oder muss Asiate sein. Diese Matten erinnerten mich sofort an frühere Zeiten in der DDR, wo ähnliche Modelle als Platzdeckchen verwendet wurden.

Mit einem Motorboot ging es anschließend weiter. Jeder bekam an Bord eine frische Kokosnuss – herrlich kühl und erfrischend. Wir tuckerten zur nächsten Anlegestelle, wo uns gezeigt wurde, was sich alles aus Kokosnüssen herstellen lässt: Süßigkeiten, Öl, Fasern, Kunsthandwerk und vieles mehr. Sogar eine kleine Kakaomanufaktur besuchten wir noch.

Zum Abschluss brachte uns das Motorboot in etwa einer Stunde fast bis vor die Haustür unseres Hotels zurück. Der Mekong wurde nun deutlich breiter, und vorsichtshalber mussten wir Schwimmwesten anlegen.

Vom vielen Schauen, Staunen, Fotografieren und Gleichgewicht halten völlig erschöpft, erreichten wir am Ende glücklich unser Hotel. Nun sitze ich hier in der achten Etage, schaue auf den braunen Strom hinunter – und weiß: Dieser Tag war alles andere als unspektakulär.